Eigene Stärken und Berufung finden: Ein praktischer Leitfaden

Was bedeutet Berufung?
Berufung bezeichnet das Erleben, mit einer Tätigkeit etwas persönlich Sinnvolles zu tun und einen Beitrag zu leisten, der über den eigenen Vorteil hinausgeht. In der psychologischen Forschung gibt es unterschiedliche Definitionen: Einige betonen ein inneres oder äusseres Gerufensein, andere die Verbindung von Sinn, Identität und gesellschaftlichem Beitrag. Berufung ist deshalb kein eindeutig bestimmbarer Berufstitel.
Praktisch bedeutet Berufung finden: herauszufinden, welche Aufgaben zu Ihren Stärken und Werten passen, wem Ihre Arbeit nützt und unter welchen Bedingungen Sie diese Arbeit langfristig ausüben möchten. Dafür braucht es neben Selbstreflexion auch Erfahrungen im Arbeitsalltag und einen realistischen Blick auf Einkommen, Gesundheit und Verpflichtungen.
Das Wichtigste in Kürze
• Stärken erkennen: Untersuchen Sie konkrete Situationen, in denen Ihnen wirksames Handeln wiederholt gelingt.
• Leistung und Passung unterscheiden: Was Sie gut können, muss nicht automatisch zu Ihren Interessen und Werten passen.
• Mehrere Perspektiven verbinden: Nutzen Sie Selbstbeobachtung, konkrete Rückmeldungen und bei Bedarf ein geeignetes Assessment.
• Berufliche Möglichkeiten erproben: Testen Sie passende Aufgaben, bevor Sie weitreichende Entscheidungen treffen.
• Berufung weiterentwickeln: Eine sinnvolle berufliche Richtung kann sich mit Ihrer Lebensphase verändern.
Eigene Stärken finden: die 4-Schritte-Methode
Schritt 1: Konkrete Erfahrungen statt allgemeiner Eigenschaften sammeln
Beginnen Sie Ihre Stärkenanalyse mit fünf Situationen aus Beruf, Ausbildung, Familie oder freiwilligem Engagement, in denen Ihnen etwas gut gelungen ist. Beschreiben Sie jeweils die Aufgabe, Ihr eigenes Vorgehen und das Ergebnis. Eine Aussage wie «Ich bin kommunikativ» wird erst aussagekräftig, wenn erkennbar ist, was Sie durch Ihre Kommunikation bewirken.
Beantworten Sie zu jeder Situation vier Fragen:
1. Welche Herausforderung lag vor?
2. Was habe ich persönlich dazu beigetragen?
3. Woran war mein Beitrag erkennbar?
4. Wie habe ich mich während und nach der Aufgabe gefühlt?
Achten Sie auf wiederkehrende Handlungen. Vielleicht bringen Sie Ordnung in unübersichtliche Informationen, erkennen Spannungen in Gruppen oder erklären komplexe Inhalte verständlich. Solche Muster liefern präzisere Hinweise als Berufsbezeichnungen oder pauschale Selbsteinschätzungen.
Führen Sie ergänzend während zwei Wochen ein kurzes Tätigkeitsprotokoll. Notieren Sie Aufgabe, Ergebnis, Interesse und Energie danach. Die Energie ist ein Hinweis auf persönliche Passung, aber kein alleiniger Stärkennachweis: Auch eine passende Aufgabe kann unter Zeitdruck oder ungünstigen Bedingungen erschöpfen.
Ergebnis dieses Schritts: Drei bis fünf vorläufige Stärken, jeweils mit mindestens einem konkreten Beispiel.
Schritt 2: Selbstbild, Fremdbild und Assessments vergleichen
Bitten Sie drei Menschen aus unterschiedlichen Lebensbereichen um konkrete Beobachtungen. Fragen Sie: «Bei welcher Aufgabe haben Sie mich als besonders wirksam erlebt?» und «Was habe ich dabei genau getan?» Beispiele helfen Ihnen stärker als allgemeines Lob, weil sie Ihr Verhalten nachvollziehbar machen.
Ein Assessment kann Ihre Beobachtungen strukturieren. CliftonStrengths® beschreibt Talentthemen und dient als Ausgangspunkt für deren Entwicklung. Gallup unterscheidet dabei zwischen natürlichen Talentmustern und Stärken, die durch Wissen, Fähigkeiten und Übung entstehen. Ein Testergebnis allein belegt daher noch keine ausgeprägte berufliche Leistung.
Das VIA-Modell betrachtet 24 Charakterstärken, beispielsweise Neugier, Fairness oder Ausdauer. Diese Perspektive hilft Ihnen, persönliche Qualitäten zu benennen und deren Einsatz zu reflektieren. Ein VIA-Profil und ein CliftonStrengths®-Profil beantworten unterschiedliche Fragen und sollten entsprechend interpretiert werden.
PurposeCoach® verbindet im eigenen Coaching-Angebot CliftonStrengths® mit Profilingvalues sowie der Reflexion persönlicher Werte und Sinnfragen. Der beschriebene Prozess führt von der Standortbestimmung zu konkreten Schritten für Beruf, Führung und Alltag. Das Stärkenprofil bildet dabei einen Ausgangspunkt für die persönliche Auseinandersetzung.
Prüfen Sie jedes Ergebnis anhand Ihrer Erfahrungen: Wo erkennen Sie das beschriebene Muster wieder? Wann hilft es Ihnen? Wann setzen Sie es zu stark oder im falschen Moment ein? Hinterfragen Sie auch unpassende Beschreibungen, statt Ihre Biografie nachträglich einem Profil anzupassen.
Ergebnis dieses Schritts: Eine überprüfte Stärkenübersicht mit Beispielen, Rückmeldungen und offenen Entwicklungsfragen.
Schritt 3: Stärken mit Werten, Sinn und Lebensrealität verbinden
Eine beruflich nutzbare Stärke beantwortet die Frage, wie Sie wirksam handeln können. Ihre Werte helfen zu klären, wofür und unter welchen Bedingungen Sie diese Fähigkeit einsetzen möchten. Wer beispielsweise gut überzeugt, kann damit unterschiedliche Ziele verfolgen – entscheidend ist, welche davon persönlich vertretbar und sinnvoll erscheinen.
Für die berufliche Orientierung eignet sich eine an Ikigai angelehnte Reflexion mit vier Fragen:
• Welche Tätigkeiten interessieren mich nachhaltig?
• Welche Fähigkeiten und Stärken kann ich dafür einsetzen?
• Welches konkrete Bedürfnis anderer Menschen kann ich damit erfüllen?
• Welche tragfähige Form der Erwerbsarbeit lässt sich daraus entwickeln?
Nutzen Sie diese vier Fragen als Orientierungshilfe, nicht als Berufungstest. Ein vollständig ausgefülltes Schema beweist weder berufliche Eignung noch wirtschaftliche Tragfähigkeit. Prüfen Sie Ihre Ideen zusätzlich an realen Aufgaben, Anforderungen und Rückmeldungen.
Formulieren Sie anschliessend eine vorläufige Richtung: «Ich möchte meine Stärke, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen, einsetzen, um Menschen bei anspruchsvollen Entscheidungen zu unterstützen.» Eine solche Aussage eröffnet mehrere berufliche Möglichkeiten und lässt sich gezielter prüfen als der Wunsch nach «einem sinnvolleren Job».
Berücksichtigen Sie bei Ihrer Entscheidung auch Ihre Lebenssituation. Einkommen, Betreuungspflichten, Arbeitsweg, Pensum und Weiterbildungsaufwand gehören zur beruflichen Passung. Eine Richtung wird erst umsetzbar, wenn sie sowohl persönlich sinnvoll als auch praktisch tragfähig ist.
Ergebnis dieses Schritts: Zwei bis drei berufliche Hypothesen mit klaren Kriterien für Aufgaben und Arbeitsbedingungen.
Schritt 4: Berufliche Hypothesen im Alltag testen
Erproben Sie eine berufliche Richtung möglichst in einem überschaubaren Rahmen. Übernehmen Sie beispielsweise ein internes Projekt, begleiten Sie eine Fachperson einen Tag lang oder führen Sie Gespräche mit Menschen im angestrebten Tätigkeitsfeld. Ein praktischer Versuch macht Anforderungen sichtbar, die in einer Stellenbeschreibung leicht verborgen bleiben.
Definieren Sie vor dem Versuch Ihre Prüffragen: Kann ich die zentralen Aufgaben bewältigen oder gezielt erlernen? Möchte ich mich länger damit beschäftigen? Ist mein Beitrag für andere nützlich? Passen die tatsächlichen Arbeitsbedingungen zu meinen Bedürfnissen?
Ein 30-Tage-Versuch kann aus einer konkreten Aufgabe, einem wöchentlichen Reflexionstermin und einer abschliessenden Rückmeldung bestehen. Dokumentieren Sie beobachtbare Ergebnisse und Ihre persönlichen Eindrücke getrennt. So unterscheiden Sie zwischen nachgewiesener Wirkung und anfänglicher Begeisterung.
Entscheiden Sie nach dem Versuch, ob Sie die Richtung vertiefen, verändern oder verwerfen. Auch eine verworfene Idee ist ein brauchbares Ergebnis: Sie liefert Kriterien für Ihren nächsten Schritt und verhindert, dass eine ungeprüfte Vorstellung zur Grundlage einer grossen Entscheidung wird.
Ergebnis dieses Schritts: Eine begründete nächste Handlung – etwa eine Rollenklärung, eine Weiterbildung oder die Vorbereitung eines Stellenwechsels.
Talent, Kompetenz, Stärke und Berufung: der Unterschied
Die folgende Tabelle verwendet praktische Arbeitsdefinitionen für die Karriereorientierung. Die Begriffe werden je nach psychologischem Modell unterschiedlich abgegrenzt.
| Begriff | Definition | Erkennungsmerkmal | Entwickelbarkeit |
|---|
|---|---|---|---|
| **Talent** | Eine natürliche Neigung zu bestimmten Denk-, Gefühls- oder Verhaltensmustern. | Ein Vorgehen liegt Ihnen besonders nahe und zeigt sich in verschiedenen Situationen. | Durch Wissen, Übung und bewussten Einsatz zu einer nutzbaren Stärke entwickelbar. |
|---|---|---|---|
| Kompetenz | Erlernte Kenntnisse und Fähigkeiten, mit denen Sie Anforderungen bewältigen. | Sie können eine Aufgabe fachgerecht ausführen, beispielsweise eine Bilanz analysieren oder ein Gespräch strukturieren. | Durch Ausbildung, Erfahrung, Feedback und Training ausbaubar. |
| Stärke | Eine entwickelte Fähigkeit, mit der Sie in einem bestimmten Kontext wiederholt wirksam handeln. | Ihr Beitrag führt verlässlich zu guten Ergebnissen und lässt sich an Beispielen zeigen. | Durch gezielte Praxis, passende Aufgaben und Rückmeldungen vertiefbar. |
| Berufung | Eine als persönlich sinnvoll erlebte Ausrichtung, die Identität und einen Beitrag für andere verbinden kann. | Sie können begründen, weshalb eine Tätigkeit für Sie bedeutsam ist und wem sie nützt. | Durch Erfahrungen und Reflexion klärbar; kann sich im Lebensverlauf verändern. |
Ein Talent ist noch keine ausgebildete Kompetenz. Eine Kompetenz muss keine bevorzugte Stärke sein. Und eine Stärke legt nicht fest, welchen Beruf Sie wählen sollten: Dieselbe Fähigkeit kann in unterschiedlichen Tätigkeiten sinnvoll eingesetzt werden.
Mini-Fallstudie: Von der bewährten Fachkraft zur passenden Rolle
Transparenzhinweis: Das folgende fiktive Schweizer Praxisbeispiel veranschaulicht die Methode. Es beschreibt keinen dokumentierten Kundenfall von PurposeCoach®.
Vorher: Gute Leistung, unklare berufliche Richtung
Eine 46-jährige Projektleiterin in einem Schweizer Dienstleistungsunternehmen gilt als zuverlässig und belastbar. Sie koordiniert Termine, verfolgt offene Aufgaben und erstellt Berichte. Obwohl sie ihre Arbeit beherrscht, fragt sie sich, ob sie den Beruf wechseln sollte. Besonders die dauernde Nachverfolgung fremder Aufgaben empfindet sie als belastend.
Analyse: Die passenden Aufgaben innerhalb der bisherigen Arbeit erkennen
Bei der Auswertung konkreter Arbeitssituationen zeigt sich ein Unterschied: Das administrative Nachhalten beherrscht die Projektleiterin, doch besonders interessiert arbeitet sie an der Klärung komplexer Probleme. Kolleginnen und Kollegen schätzen ihre Fähigkeit, unterschiedliche Sichtweisen zusammenzuführen und Entscheidungen vorzubereiten. Als wichtige Werte benennt sie Eigenverantwortung und fachliche Tiefe.
Erprobung: Eine neue Aufgabenverteilung testen
Die Projektleiterin vereinbart mit ihrer Führungskraft einen begrenzten Versuch. Sie übernimmt die Moderation eines Entscheidungsworkshops und erstellt dazu eine fachliche Entscheidungsgrundlage. Ein Teil der bisherigen Statusadministration wird während dieser Phase im Team anders verteilt.
Nachher: Eine konkretere Grundlage für die Karriereentscheidung
Im fiktiven Beispiel entscheidet sich die Projektleiterin nach dem Versuch dafür, zunächst ihre bestehende Rolle weiterzuentwickeln. Sie strebt mehr Aufgaben in Analyse und Moderation an und klärt die dafür benötigte Weiterbildung. Aus der allgemeinen Frage «Bin ich im falschen Beruf?» wird eine konkrete Frage nach Aufgaben, Verantwortung und Entwicklungsmöglichkeiten.
Das Beispiel zeigt einen möglichen Entscheidungsweg, kein versprochenes Coaching-Ergebnis. Ob eine Rollenveränderung genügt oder ein Stellenwechsel sinnvoll ist, muss anhand der jeweiligen Person und Organisation geprüft werden.
Häufige Fragen zu Stärken und Berufung
Wie finde ich meine Stärken mit 40+ heraus?
Untersuchen Sie wiederkehrende Beiträge aus Ihrer bisherigen Berufs- und Lebenserfahrung. Sammeln Sie fünf konkrete Erfolgssituationen und fragen Sie drei Menschen nach beobachtbaren Beispielen Ihrer Wirksamkeit. Trennen Sie anschliessend zwischen Aufgaben, die Sie durch lange Erfahrung beherrschen, und Tätigkeiten, die Sie künftig bewusst vertiefen möchten. Mit 40+ kann vorhandene Erfahrung eine neue Richtung ermöglichen; sie verpflichtet Sie nicht, dieselbe Rolle fortzusetzen.
Wie unterscheide ich echte Stärken von reinen Pflichtkompetenzen?
Prüfen Sie Leistung, Interesse, Lernbereitschaft und Arbeitsbedingungen gemeinsam. Eine Pflichtkompetenz beherrschen Sie möglicherweise sehr gut, ohne sie weiter ausbauen zu wollen. Eine persönlich passende Stärke zeigt sich durch wiederholte Wirksamkeit und den Wunsch, sie unter geeigneten Bedingungen einzusetzen. Erschöpfung allein beweist keine fehlende Stärke: Überlastung, Konflikte oder mangelnder Handlungsspielraum können auch passende Aufgaben belastend machen.
Welcher Test hilft mir, meine Stärken und Berufung zu finden?
Wählen Sie das Instrument nach Ihrer Frage. CliftonStrengths® unterstützt die Reflexion von Talentmustern; VIA richtet den Blick auf Charakterstärken. Kein Ergebnis sollte ohne konkrete Lebens- und Arbeitsbeispiele interpretiert werden. Für die Berufungsfrage brauchen Sie zusätzlich eine Klärung Ihrer Werte, Interessen, Rahmenbedingungen und beruflichen Möglichkeiten. Ein Profil liefert Gesprächs- und Entwicklungsansätze, aber keine verbindliche Berufsempfehlung.
Muss ich meinen Job wechseln, um meine Berufung zu leben?
Ein Jobwechsel ist eine mögliche Folge beruflicher Klärung, aber keine Voraussetzung. Prüfen Sie zuerst, ob andere Aufgaben, eine veränderte Verantwortungsverteilung oder ein interner Wechsel Ihre Passung verbessern könnten. Eine Neuorientierung wird dann erwägenswert, wenn zentrale Bedürfnisse und Werte in der bestehenden Rolle dauerhaft keinen Platz finden. Testen Sie Alternativen möglichst praktisch und klären Sie deren finanzielle und fachliche Voraussetzungen.
Ihr nächster Schritt: Stärken in eine berufliche Richtung übersetzen
Bringen Sie zu einem Erstgespräch drei konkrete Situationen mit: eine Aufgabe, die Ihnen besonders gelungen ist, eine Tätigkeit, die Sie dauerhaft belastet, und eine berufliche Möglichkeit, die Sie interessiert. Diese Beispiele schaffen eine Grundlage, um Ihr Anliegen und einen passenden nächsten Schritt zu klären.
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